1. Die Idee der kaufmännischen Übungsfirma

Die Idee der Bürosimulation existiert seit dem 17. Jahrhundert in der wirtschaftlichen Ausbildung. Typische Formen im schulischen Bereich waren bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter den Stichworten Übungskontor, Lernbüro, Schulungsbüro, Simulationsbüro oder Scheinfirma subsumiert. In Österreich hat die Idee der Übungsfirma in die kaufmännische Erstausbildung Eingang gefunden, insbesondere wurde sie in den neuen Lehrplänen von Handelsakademie und Handelsschule verankert. Die erste österreichische schulische Übungsfirma wurde 1990 an der Höheren Technischen Lehranstalt Wien 22 gegründet.

In Österreich werden derzeit ca. 400 Übungsfirmen betrieben, davon ca. 90% an kaufmännischen Schulen und ca. 10% an technischen und wirtschaftlichen Schulen sowie an nichtschulischen Institutionen der Erwachsenenbildung.

2. Die neuen Lehrpläne an Handelsakademie und Handelsschule

Ein wesentlicher Bestandteil der 1994 abgeschlossenen Reform der Lehrpläne von Handelsakademie und Handelsschule ist das Arbeiten der Schüler in einer Übungsfirma in der dritten Klasse der Handelsschule bzw. im vierten Jahrgang der Handelsakademie:

"Arbeit im Betriebswirtschaftlichen Zentrum in branchenspezifischen Bereichen, wie z. B.:

  • Administration
  • Rechnungswesen
  • Beschaffung einschließlich Import
  • Leistungserstellung
  • Absatz einschließlich Export

unter Einsatz der in der Praxis verwendeten Büro-, Informations- und Kommunikationstechnologien."

In der Übungsfirma steht neben der Vertiefung fachlicher Kompetenz der Erwerb von Schlüsselqualifikationen im Vordergrund. Es werden vor allem Handlungs- und Entscheidungskompetenz vermittelt, die Fähigkeit, erworbene Kenntnisse anzuwenden, betriebswirtschaftliche Problemstellungen selbstständig oder im Team zu bearbeiten, Lösungen zu entwickeln und diese zu vertreten, die Fähigkeit zur Kommunikation und Kooperation geschult sowie eine Basis für lebensbegleitendes Lernen gelegt.

3. Das Betriebswirtschaftliche Zentrum

Der Unterricht in der Übungsfirma findet im Betriebswirtschaftlichen Zentrum, einem Großraumbüro, statt. Dieses ist als repräsentativer Sonderunterrichtsraum mit allen zeitgemäßen Büro-, Informations- und Kommunikationseinrichtungen ausgestattet. In dieser realitätsbezogenen Umgebung findet ein fächerübergreifender, handlungs- und problemorientierter sowie schülerInnenzentrierter Unterricht statt, in welchem praxiskonform Abläufe im Betrieb und Zusammenhänge zwischen Betrieben vermittelt werden.

4. Die Übungsfirma

Eine Übungsfirma arbeitet wie ein reales kaufmännisches Unternehmen. Sie steht am Übungsfirmenmarkt in ständiger Geschäftsverbindung mit anderen Übungsfirmen. Dabei sind alle in der Praxis anfallenden branchenspezifischen Geschäftsfälle vom Einkauf bis zum Verkauf und der damit verbundenen kaufmännischen Gepflogenheiten und der rechtlichen Voraussetzungen durchzuführen. Allerdings sind Waren und Dienstleistungen sowie das für Zahlungen erforderliche Geld real nicht vorhanden. Es werden daher im Verkehr mit den Geschäftspartnern nur die für den Kaufmann notwendigen Informationen und Schriftstücke ausgetauscht.

Um die Qualität der Übungsfirmenarbeit auf die Dauer sicherzustellen, müssen folgende Merkmale erfüllt werden:

  • ein klar definierter Unternehmensgegenstand
  • eine Rechtsform des Unternehmens
  • eine unbefristete Unternehmensdauer
  • die Gliederung in branchenspezifische Bereiche
  • eine Dokumentation der Aufbauorganisation
  • eine Dokumentation der Ablauforganisation
  • Arbeitsplatzbeschreibung
  • Job-Rotation der Übungsfirmenmitarbeiter (Schüler) laut Rotationsplan
  • eine planmäßige Übergabe der Übungsfirma am Ende des Schuljahres an die neuen Betreiber
  • der Einsatz zeitgemäßer Büro-, Kommunikations- und Informationssysteme
  • laufende Außenkontakte durch Teilnahme am Übungsfirmenmarkt
  • zeitgerechter bargeldloser Zahlungsausgleich offener Rechnungen
  • ein nach den Grundsätzen ordnungsgemäßer Buchführung geführtes Rechnungswesen
  • die Führung der Bücher und Aufzeichnungen in der Übungsfirma selbst
  • eine Beurteilung der Mitarbeiter durch Arbeitszeugnisse; diese findet ihren Niederschlag auch in der Notengebung
  • die ordnungsgemäße Dokumentation aller wesentlichen Vorgänge in der Übungsfirma
  • die Mitgliedschaft der Übungsfirma bei der Servicestelle österreichischer Übungsfirmen (act)

5. Nationales und internationales Übungsfirmennetzwerk

Übungsfirmen treffen am Übungsfirmenmarkt auf andere Übungsfirmen. Dieser Markt bietet auf Grund seiner Größe und seiner Eigenart nur einen simulierten Ausschnitt aus dem realen Wirtschaftsleben. Eine Reihe von Partnern fehlen. Um für die Übungsfirmen einerseits diese Partner zu simulieren und anderseits notwendige Hilfe zu leisten, sind in jedem nationalen Übungsfirmenmarkt Übungsfirmenzentralen zu betreiben. Diese nationalen Übungsfirmenzentralen arbeiten auf dem internationalen Übungsfirmenmarkt zusammen und schaffen die Voraussetzung für ein florierendes internationales Übungsfirmennetzwerk.

6. "act" - eine Servicestelle österreichischer Übungsfirmen

"act" wurde als Initiative der Generaldirektion für Berufsbildung des Bundesministeriums für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten anlässlich der Reform der Lehrpläne des kaufmännischen Schulwesens in Österreich im Jahre 1993 gegründet, in welcher erstmals in Europa die Idee der Übungsfirma in schulischen Lehrplänen verankert worden war. "act" wird in den Räumen des Pädagogischen Institutes des Bundes in Wien betrieben.